nice guys!

Dienstag morgen. Der Regen perlt in kleinen Wasserbächen von den Fensterscheiben der Flughafenhalle. „ Möchten Sie Aji zu Ihrer Maistasche?“ der kleine Mann hinter der Theke hält mir lächelnd die feurige Knoblauch- Chili- Paste vor die Nase. Himmel, ich werde Euch vermissen. Meine müden Augen öffnen sich ein Stück: „ Das ist sehr nett von Ihnen, aber lieber nicht schon um neun Uhr morgens Knoblauch… bitte, bitte nicht.“
Er nickt verständnisvoll mit dem Kopf, „Ja, Sie sind das eben nicht von klein auf gewöhnt nicht wahr? Einen schönen Tag Ihnen noch!“

Ich setze mich in eine ruhige Ecke, nippe an meinem Kaffee und beobachte das Treiben. Mein Blick wandert über ein buntes Meer aus brauner, schwarzer, weißer und von der Sonne in phantasievollen Mustern geröteter Haut. Neben mir sitzt ein hoch gewachsener Italiener in einem edlen Anzug. Seine Hände huschen in Sekundenschnelle über die Tasten seines Laptops, auf dem tausende von Zahlen aufleuchten.
Eine kleine Asiatin trägt ihren schreienden Wonneproppen durch die Wartehalle, ihre knochige Haut blitzt durch das dünne Hemd. Erschöpft setzt sie sich neben einem älteren französischen Pärchen, das ihr ein verständnisvolles Lächeln schenkt. Der Kleine reißt sich los und stolpert glucksend durch die Wartereihen, hält bei jedem Passagier kurz an und begutachtet ihn.
Ich muss schmunzeln, als ich in die Augen um mich blicke. Von diesem winzigen verletzlichen Wesen in den Bann gezogen, folgt der komplette Wartesaal jedem seiner kleinen Schritte. Sogar der italienische Geschäftsmann blickt kurz von seinen Zahlen auf und grinst.
Als der Kleine schließlich bei seinem Ziel, einer Gruppe junger Philippinen ankommt und sich plötzlich auf den Boden plumpen lässt, lacht der ganze Saal.

Wenig später verstaue ich meinen Rucksack über meinem Sitz im Flugzeug. Der kleine Junge hampelt zwei Reihen vor mir auf dem Schoss seiner Mutter herum und winkt aufgeregt mit seinen kleinen Händchen.
Eine Stewardess mit großen blauen Augen läuft durch den Gang und kontrolliert penibel, ob wir uns artig angeschnallt haben. Stolz zeigen wir ihr unsere fest zugezogenen Gurte, sie gerät ganz aus dem Häuschen und streckt ihre Daumen mit einem professionellen Lächeln in die Höhe:
„Nice guys!!“ Jungs, das habt Ihr toll gemacht!

Der Flieger nimmt Anlauf und steigt in die Höhe. Ich fühle, wie mein Rücken gegen die Sitzlehne gedrückt wird.
So. Und jetzt geht’s nach Hause.

Ich habe mich sehr gefreut, ein paar der kleinen Erlebnisse und Eindrücke auf dieser Reise mit Euch teilen zu dürfen.
Vielen Dank, dass Ihr mich begleitet habt. :)

Kaeffchen?

„Hola, ein Kaeffchen bitte.“ Ich lasse mich in einen der schattigen Stuehle der kleinen Baeckerei fallen. Aus den kleinen Lautsprechern ertoent leise Musik und von der staubigen Strasse das tiefe Brummen der Laster .
„Gerne! Nur einen kleinen Augenblick.“ Die Bedienung klimpert mit den Tassen am Nachbartisch und laechelt mich an. „Und, woher kommst Du?“
„Aus Deutschland! Und Du?“ frage ich grinsend. Sie schuettelt lachend den Kopf: „Ich?? Na, aus Cali! Aber… Dein Spanisch hat nicht den typisch deutschen Akzent, viel zu weich! Du hoerst Dich eher nach einer Franzoesin an.“ Na, dat werde ich wohl nich mehr so schnell los..
„Wie lange bist du denn schon hier? Drei Monate? Wow! Und Deine Familie, fehlt sie Dir nicht?“ Hast Du ne Ahnung! “ Doch, sehr!! Aber die Menschen hier sind so nett und aufgeschlossen, man kann sich gar nicht einsam fuehlen.“
Sie nickt mit dem Kopf, “ Ja weisst Du , das ist einfach normal hier.
Eine Freundin von mir hat vor ein paar Jahren einen Deutschen geheiratet und ist mit ihm nach Deutschland gezogen. Nach einer Woche schrieb sie mir eine email:
„Maria, Du glaubst es nicht, neulich waren wir in einem Cafe und da es keine freien Tische mehr gab, setzten wir uns an einen, an dem schon ein paar Leute sassen- und was haben die gemacht??“

Maria sieht mich mit ihren schwarzen Augen an:

„Ihre Stuehle weiter von uns weg gerueckt!!

Das war vielleicht ein komisches Gefuehl!“

no way.

“Tut mir leid, wir verkaufen keine Zigaretten.” Christian zuckt mit den Schultern, nimmt die weitere Bestellung der Gaeste auf und setzt sich neben mich:” Mein Vater ist an Lungenkrebs gestorben, hat geraucht wie ein Schlot. Ich habe keine Lust, so etwas zu unterstuetzen.. vergiss es.”

Fuenf Jahre ist es inzwischen her.

“ Ich war alleine mit meinem Vater, als er starb. Er atmete ploetzlich so schwer, dass ich den Arzt holte. Der liess sich ewig Zeit, sagte mir das sei die normale praemortale Atmung, mein Vater sei schon so gut wie tot. Ich dachte ich spinne! Mann, ich war 16!” Claudia stehen die Traenen in den Augen, “Dann ging er mit mir zu seinem Bett, hob die Augenlider meines Vaters und sagte:
“Hier siehste. Er ist schon tot.”

Etwas anderes.

“Ja, ich bin Aerztin. Aber ich moechte nicht mehr in meinem Beruf arbeiten,” Carolina zuckt mit den Schultern und grinst mich schief an. “Warum nicht? Ich bin muede. Vier Jahre in der Geburtshilfe. Jeden Tag Stress ohne Ende. Jeden Tag muss ich mit Menschen arbeiten, auf deren Gesichtern nicht einmal ein Laecheln auftaucht. Die bei jeder Kleinigkeit aus der Haut fahren.”…Ihre dunklen Augen verlieren sich in der Ferne. “Ich will etwas anderes tun. In einem Café arbeiten… etwas Normales machen..”

Frueher.

„Als mein Mann noch lebte… da war alles anders. Wir hatten ein anderes Leben… wenn er wuesste, dass Claudia Jura studiert.. er waere sehr stolz,“ eine tiefe Sehnsucht blitzt in Ediths Augen auf. “ Wenn man hier Anwalt ist, kann man Anwalt auf zwei Arten sein: entweder man vertritt nur Gauner und wird reich.. oder man tritt fuer das Recht ein.
Wie mein Mann.“ Sie verschwindet einen Moment im Flur und kommt mit einer verblichenen Schwarzweissfotografie zurueck: mich blickt ein junger Mann in Anzug und aufrechter Haltung an. Tiefschwarze Augen und auf den Lippen das gleiche, kleine schiefe Laecheln, das mir Christian jeden Tag zuwirft.
„Ist er nicht wunderschoen?“ fragt sie und streicht leibvoll uber die verblassenden Linien.
Spaeter finde ich Edith auf der Terasse unruhig auf und ab gehend : „Ich habe immer Angst, dass Christian und Claudia etwas passiert. Jedes Mal, wenn sie aus dem Haus gehen, mache ich mir Sorgen. Jedes Mal.“

Jen.

„Ich habe mich wirklich gefragt, ob ich verrueckt bin.. ich meine, ich bin 60, laufe in Hippieklamotten rum und reise um die Welt. Um mich herum junge Huehner, die das erste Mal von zuhause weg sind, Rasta ausprobieren… und mich anstarren, als wenn ich von einem anderen Planeten stammen wuerde..“
Ich muss lachen- das hatte ich mich auch gefragt, als Jen ins Hostel hineinspaziert kam.
Ein alter abgefrackter Hippie?
„Ich habe immer so lange in meinem Job als Programmiererin gearbeitet, bis ich wieder genug Geld hatte um noch ein kleines Stueckchen der Welt zu erkunden. Nichts bereichert Dich so sehr wie das Erleben fremder Kulturen. Nichts eroeffnet Dir mehr den Horizont oder laesst Dich Zusammenhaenge besser erkennen als der Sprung ins kalte Wasser. Deswegen habe ich mich vor fuenf Jahren wieder gefragt: Jen, willst du los, weg aus London? Fuer richtig lange? Ich wollte.
Meiner Mutter geht es noch gut, sie ist 83. Und meine Kleine hat ihren Freund. Ich habe keine Verpflichtungen. Der ideale Zeitpunkt. Warum also nicht?“
Jeden Morgen sitzt sie mind. drei Stunden im Garten und lernt Spanisch, manchmal mit einem verzweifelten Ausdruck in den Augen, meistens aber mit einem kleinen Laecheln auf den Lippen.
Spaeter sitze ich mit ihr auf der Veranda und bringe ihr die ersten Schritte auf der brandneuen Gitarre bei. Ihre faltenumrandeten Augen strahlen, als sie dem Instrument ploetzlich einen leisen Akkord entlockt.
“ Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich das schon machen wollte. Ein Instrument spielen!“

Ein Stueck Zuhause.

Langsam wird es hell. Ich liege in meinem Bett und hoere dem langsamen Atmen meiner Zimmergenossen zu, in der Ferne kreischen die Haehne um die Wette. Leise tapse ich auf die Veranda, das Holz unter meinen Fuessen fuehlt sich angenehm feucht an. An der Fensterbank sitzt Tim, der Besitzer der Farm an seinem Laptop und fluestert mir ein „Buenos Dias“ unter seinen grauen Augenbrauenbuescheln zu.
Ich gehe bis ans Ende des Gartens zu der Bueschung mit der kleinen Haengematte und streiche einen langen Ast zur Seite. Vor mir taucht die Morgensonne das Tal in ein leuchtendes gruenes Meer. Mir stockt der Atem.
Meine Augen wandern ueber jede Linie des Tals, ueber jeden Ast der schimmernden Baume, ueber jede Feder der in der Luft schwebenden Kondore.
Auf dem Rueckweg kommt mir Jabe entgegen. Mit einem verschlafenen Blick auf mein Laecheln grinst er und reibt sich die Augen: Ich weiss, wo Du warst. :)

Ein kleines Raedchen.

„Aber im Hotel hat man mir vor fuenf Minuten gesagt, dass es 10.000 Pesos kostet und nicht 12.000″, sagt die Frau mit den kurzen, von grauen Straehnchen durchsetzten Haaren neben mir veraergert zu Diego, der sie unverwundert durch seine alterstrueben Augen anschmachtet.
Ich lehne mich in die ausgefransten Polster des Taxis zurueck und muss grinsen… moechte sie sich darueber jetzt aufregen? Ihr Blick faellt auf mich und sie lacht- “ Du hast Recht..“ sagt sie auf deutsch, „schon lustig, dass man es doch immer wieder versucht oder?“ “ Du bist auch schon laenger hier, oder?“ fragt sie und ihre funkelnden braunen Augen mustern mich.
Wir kommen ins Gespraech, waehrend draussen die heisse, trockene Landschaft an uns vorueberzieht.
Sie war vor 13 Jahren auf ihrer 11 monatigen Reise durch Lateinamerika schon mal in Kolumbien und deswegen war es fuer sie jetzt sehr spannend, zum Arbeiten noch einmal zurueck zu kommen. Moment, zum Arbeiten? Nebenbei fallen andere Laender wie Nicaragua und der Tschad. Ich rieche Lunte. „Stopp- was arbeitest Du?“ Sie grinst, „ich bin Kinderaerztin und habe hier mit Aerzte ohne Grenzen in einem Projekt gearbeitet. Und Du?“
Na, mich trifft erstmal der Schlag und ich muss lachen. Sag ich jetzt: ick glob, wir sind Kollegen?! Vor lauter Respekt werde ich doch lieber rot, „ich bin gerade mit dem Studium fertig“. Ihre Augen funkeln, “ Ne, oder? :) Ist ja ein lustiger Zufall!“

Wenig spaeter sitzen wir am Strand und prosten uns mit Dosenbier zu:
„Wie ist das immer wieder Zurueckkommen fuer Dich?“
„Das ist ok. Die Welt ist ganz einfach so. Das muss man akzeptieren. Ich bin ein kleines Raedchen und mache meine Arbeit. Wenn sie dort drohen, an Verletzungen zu sterben, mache ich meine Arbeit. Wenn sie hier an chronischem Asthma leiden, tut es mir und Ihnen genauso gut, zu helfen. Klar, manchmal ist es sogar viel einfacher, jemanden mit akuten Verletzungen zu behandeln als ein Kind, dass sich wegen der Familiensituation in eine Krankheit fluechtet..“

Sie wendet ihren Blick von den Wellen ab und grinst mich an:
“ Sehr schoen, dass wir uns hier getroffen haben. Schon komisch, ich komme mir gar nicht alt vor. Und jetzt treffe ich Frauen, die 10 Jahre juenger sind, die gleichen Ziele haben wie ich und mir wird klar, was der einzige Unterschied zwischen uns ist: ich habe schon viel davon verwirklicht. Vielleicht mache ich noch ein Projekt, aber dann… es ist wunderschoen und faszinierend, aber auch sehr anstrengend. Man lebt Monate nicht zuhause und mit Menschen zusammen, die man sich nicht aussuchen kann. Auf der anderen Seite..“ ihr Blick wird weich,
„ich moechte keinen Moment missen.“

Abwechslung.

Der Schweiss laueft mir aus allen Poren. Um mich herum eine huegelige trockene Landschaft auf der einen Seite, auf der anderen das blaue Meer. Am Strand reihen sich einfache Fischrestaurants neben in der Sonne gebratenen, roten Auslaendern und Kolumbianern aneinander. ich blicke in tiefblaue Augen, die mich aus schwarzen Gesichtern freundlich anlaecheln. „Was darfs denn sein, meine Kleine?“ fragt mich die tiefschwarze Mama, wischt die Haende an ihrem fuelligem Leib ab und gibt dem kleinen Maedchen, das im Badeanzug vorbeispringt, einen dicken Kuss auf die Stirn. „Eine Umarmung!“ denke ich, das waere jetzt genau das Richtige. Aber.. „eine Limonade bitte“ tuts auch.
Wenig spaeter sitzt vor mir ein schick gekleideter Saenger mit Gitarre, mir stroemt ein feiner Duft nach Rum aus seinem Atem entgegen. Die Gruppe nebenan am Tisch wird ungeduldig, schliesslich haben sie den Mann fuer ihre Unterhaltung gebucht. Er verabschiedet sich mit einem Zwinkern und einem weiteren Schwall Alkohol, setzt sich neben die beiden weissen Frauen aus Bogotá, deren Blick bei seinen Schnulzen glasig wird..
„Sieh Christina, die beiden Frauen dort hinten- beide geschieden. Heute ist Samstag und morgen fahren sie wieder. Was erwarten sie von mir heute abend also..?? … Abwechslung.“ Javier, de Touristenfuehrer der Kolumbianergruppe, zuckt laechelnd mit den Achseln.
„Ich war einmal mit einer Frau aus Bogotá sechs Monate zusammen, habe bei ihr gewohnt. Aber ich durfte sechs Monate nicht raus, sie hat mich keinem ihrer Freunde und- er grinst- Freundinnen vorgestellt.“
„Warum nicht?“ frage ich unschuldig. „Na, weil ich dann garantiert fremd gegangen waere. So ist das nunmal.. weisst du, dass es in Kolumbien 3x soviel Frauen wie Maenner gibt?!“ Er nimmt einen Schluck Cola und zwinkert mir zu.

Ohne Dich.

Ich war sechszehn, als sie Dich verschleppten.
Von einem Tag auf den anderen veraenderte sich alles.
Ich wusste nicht, wohin sie Dich gebracht hatten.
Nicht einmal, ob Du ueberhaupt noch lebst.

Ich musste ohne Dich weiter aufwachsen.
Ohne Deinen Rat.
Ohne Deine Erziehung.
Ohne Deine Liebe.
Ohne Dich Papa.

Jeden Tag suche ich Dich.
In jedem Gesicht.
In jeder Stimme.
In jeder kleinen Nachricht in der Zeitung oder im Fernsehen.

In meiner Erinnerung.

In den Drogen.

Sag mir, ob ich Dich suche, um Dich nie zu finden.

Sag mir, ob ich Dich suche, um Mich nie zu finden.